Epilog

Die DON ROSA COLLECTION ist eine Luxusausgabe in neun BĂ€nden, die von Egmont herausgegeben wird. Sie erzĂ€hlt die Geschichte meines Lebens mit Comics – insbesondere den Dagobert-Duck- und Donald-Duck-Geschichten, durch die ich bekannt geworden bin. Unter den verschiedensten Titeln erscheint diese Serie in Finnland, Norwegen, Deutschland und Schweden. Als Teil der begleitenden Texte in den BĂ€nden schrieb ich meine Autobiografie nieder – zumindest soweit sie mit Comics zu tun hat. Als letzter dieser Texte war immer geplant, dass ich eine Art „Epilog“ bezĂŒglich des Endes meiner Karriere verfassen wĂŒrde, dessen offensichtlicher Inhalt der Grund fĂŒr mein Aufhören wĂ€re. Dies war kein Text, auf dessen Schreiben ich mich freute, aber er war notwendig. Er wĂŒrde erfordern, viele unglĂŒckliche GefĂŒhle und Erfahrungen erneut zu durchleben. So schob ich diese Aufgabe bis zur letzten Minute vor mir her, aber im September des Jahres 2012 war meine Zeit um und so schrieb ich, was ich schreiben musste.

Mir war klar, dass Egmont damit ein Problem haben wĂŒrde. Doch ich bin stolz und glĂŒcklich, sagen zu können, dass sie sich – bis auf einige geringfĂŒgige Änderungen – mit dem Text einverstanden erklĂ€rten. Der Epilog sollte dann am Ende des neunten Bandes erscheinen.

Allerdings kam es nicht wie geplant. Im letzten Moment weigerte sich Disney, meinen Text in einer Buchserie erscheinen zu lassen, die unter ihrer Lizenz veröffentlicht wurde. Andererseits erschien sie auch unter meiner Lizenz, sodass es auch in meiner Macht stand, die Veröffentlichung der dritten Box zu verhindern, falls sie nicht meinen beabsichtigten Abschlusstext enthielte. Aber das war undenkbar! Die Fans hatten bereits die ersten sechs BĂ€nde erhalten – und das nicht gerade billig! Außerdem war die ganze Collection von Egmont wirklich prĂ€chtig geraten! Ich konnte das einfach nicht vor die Hunde gehen lassen.
So stimmte ich zu, dass an der dritten Box weiterhin gearbeitet werden durfte, solange es mir erlaubt sein wĂŒrde, im neunten Band interessierte Leser auf den ‘Epilog’ zu verweisen, so wie er auf dieser privaten Website erscheint.

Falls sich in meinem Text etwas findet, das jemand nicht der Öffentlichkeit zugĂ€nglich machen möchte, scheint es mir, dass die Aufnahme in ein teures Buch, das nur einige Tausend KĂ€ufer in ein paar unterschiedlichen LĂ€ndern hat, eine recht harmlose EnthĂŒllung dargestellt hĂ€tte. Aber jetzt findet sich dieser Text im INTERNET. Das war von mir nie so gewollt.

Danke.


WARUM
ICH
AUFGEHÖRT HABE

In den ersten BĂ€nden dieser Ausgabe schrieb ich Kapitel einer Autobiografie, die meine Lebensgeschichte in Bezug auf Comics erzĂ€hlten. Ich beschrieb, wie ich zu einem unverbesserlichen Comicfan, Sammler und Amateurzeichner wurde, der viele Arten von Comics liebte, aber dessen Lieblingshefte (wie bei so vielen anderen Comicfans) die Carl-Barks-Geschichten mit Donald Duck und (seiner eigenen Schöpfung) Onkel Dagobert waren. Ich erzĂ€hlte davon, wie ich im besten Mannesalter von einem Tag auf den anderen dazu kam, ein professioneller Autor und Zeichner von Comics zu sein; und das fĂŒr meine ausgesprochenen Lieblingscomics – Barks’ Entengeschichten 
 insbesondere seinen Onkel Dagobert! Und wie ich schließlich aufgrund der andauernden PopularitĂ€t der Barks-Figuren international geradezu unerklĂ€rlich berĂŒhmt wurde. Ich beschrieb die grenzenlose Freude, die dieses plötzliche neue Leben fĂŒr solch einen leidenschaftlichen Barks-Fan wie mich bedeutete. Nun aber befinden wir uns im letzten Band dieser Buchausgabe und die Geschichte muss vollstĂ€ndig zu Ende gebracht werden. In diesem abschließenden autobiografischen Beitrag muss ich das Ende der Geschichte erzĂ€hlen: Warum 
 ich 
 aufgehört habe.

Ich habe bereits von den unzĂ€hligen Freuden erzĂ€hlt, die es mit sich brachte, als beliebtester gegenwĂ€rtiger Zeichner der beliebtesten Comics der Welt proklamiert zu werden. Doch ich habe bislang nicht die andere Seite der Medaille erwĂ€hnt – die vielen Schwierigkeiten und bitteren EnttĂ€uschungen, die mit dieser Erfahrung einhergingen. Einige davon sind physischer, andere philosophischer Natur. Einige brachte ich selbst mit in diese Karriere und die ausschlaggebende war bereits Teil des Systems. Es kann nicht eine einzelne, einfache Ursache dafĂŒr geben, dass ich freiwillig den Beruf aufgebe, der mein Kindheitstraum gewesen war. Und ich muss ehrlich sein und zugeben, dass ich mir, Ă€hnlich wie bei Donald Duck, bei einigen meiner Probleme selbst die Schuld geben muss. Unter den vielen GrĂŒnden fĂŒr meinen Schlussstrich mag es sechs Wichtigste geben und ich werde versuchen, diese in umgekehrter Reihenfolge zu erklĂ€ren 


Grund 6: Ich habe zu lange gearbeitet

Dies ist eine schwache BegrĂŒndung, aber nichtsdestoweniger eine Tatsache in meinem Leben. Ich hatte das „UnglĂŒck“, in eine reiche Familie hinein geboren zu werden, die eine bedeutende Baufirma besaß. Ich war das einzige mĂ€nnliche Kind in dieser Familie, sodass es seit meiner Geburt beschlossene Sache war, dass ich die Firma ĂŒbernehmen wĂŒrde, sobald ich erwachsen wĂ€re. Und somit ging ich mit jungen Jahren, so etwa mit 14 oder 15, im Familienunternehmen zur Arbeit. Dies hatte zur Folge, dass ich niemals Sommerferien hatte. Mit dem Ende der Schule im FrĂŒhjahr bis zum Wiederbeginn im Herbst war ich als Vollzeit-Bauarbeiter tĂ€tig. Aber ich genoss diese Gelegenheit – die Bezahlung nach Tarif war recht gut und brachte mir das nötige Geld, um meine vielen Hobbys und Sammlungen zu genießen. Dies ist ein Hauptgrund dafĂŒr, dass ich wĂ€hrend der Zeit, als die alten Ausgaben noch „relativ“ preiswert waren, eine von Amerikas grĂ¶ĂŸten Comicsammlungen aufbauen konnte. Doch ich beraubte mich auch eines großen Teils (möglicherweise des wichtigsten) meiner Kindheit und jeglicher Art sozialen Lebens.

Nach der Schulzeit besuchte ich direkt die Hochschule fĂŒr Ingenieurwesen, welches möglicherweise der schwierigste vierjĂ€hrige Studiengang ist, was bedeutet: viele Kurse, tĂ€glich lange PraxisĂŒbungen und eine Menge hochtechnische Hausaufgaben. In einem Jahr erforderte dies auch ein einmonatiges Vermessungs-Außenpraktikum wĂ€hrend des Sommers. Aber es gab natĂŒrlich nach wie vor keine Ferien zwischen den Semestern. WĂ€hrend der Hochschulzeit arbeitete ich nicht nur den ganzen Sommer ĂŒber bei der Keno Rosa Co., sondern auch wĂ€hrend der Weihnachts- und FrĂŒhjahrspausen. Nach dem Erwerb des Hochschulabschlusses arbeitete ich sofort am nĂ€chsten Tag Vollzeit im Familienunternehmen. Inzwischen hatte ich damit begonnen, in jeder freien Minute, die nicht mit Studium oder Arbeit gefĂŒllt war, in Ausgaben verschiedener Fanzines fĂŒr Comicsammler Artikel zu schreiben und Comics zu zeichnen. Und ich nahm niemals Urlaub.

Im Jahr 2008 hatte ich fĂŒr mehr als 40 Jahre Vollzeit gearbeitet. Die meisten Amerikaner gehen nach 30 – 35 Jahren in Rente. Zusammen mit all dem Anderen, das mir den Mut nahm (siehe unten), war ich der Meinung, dass ich mir das Recht erworben hatte, es endlich langsamer angehen zu lassen und mir die Zeit zu nehmen, das Leben zu genießen und mehr Zeit mit meiner Frau und meinem Natur-Refugium zu verbringen. Da ich aber zu lange gearbeitet hatte, gab es noch mehr zu erledigen – ich verweise auf Grund 5.

Grund 5: Ich arbeite zu hart

Dies ist eines der persönlichen Probleme, die ich in meine Karriere eingebracht habe – zu viel Begeisterung. Es ist eine Seite meiner Persönlichkeit, dass ich nicht weiß, wie ich etwas tue, ohne dass es mich vereinnahmt. Möglicherweise liegt das am Training durch die körperliche Arbeit fĂŒr das Familienunternehmen in jungen Jahren und wurde durch die HĂ€rte des Ingenieurstudiums noch verstĂ€rkt. Und vielleicht ist es ein Teil von mir als Amerikaner. Ich bin mir nicht sicher, ob EuropĂ€er dies ĂŒber Amerikaner wissen, aber harte Arbeit ist etwas, das zu uns gehört. Das hat etwas damit zu tun, dass die EuropĂ€er, die nach Amerika auswanderten, einen starken Pioniergeist besaßen, der einfach Teil unserer Kultur wurde. Der Durchschnittsamerikaner macht höchstens zwei Wochen Urlaub pro Jahr. In Berufen wie dem Baugewerbe erhalten amerikanische Arbeiter gar keinen bezahlten Urlaub. WĂ€hrend meiner Besuche in Europa habe ich erfahren, dass ihr dort vier bis sechs Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr erhaltet sowie eine Menge zusĂ€tzliche freie Zeit wĂ€hrend der Arbeit. Ich begann also mit dieser Ethik harter Arbeit als Teil meines Erbes von meinem ebenfalls hart arbeitenden italienischen Großvater Keno und baute darauf exponentiell auf.

Ich weiß nicht, ob es in euren LĂ€ndern einen Ă€hnlichen Begriff gibt, aber ich bin das, was hier als Workaholic bezeichnet wird. Ich bin unfĂ€hig zu entspannen. InaktivitĂ€t macht mich nervös und lĂ€sst mich mich irgendwie „schuldig“ fĂŒhlen. Irgendwann in den spĂ€ten 1970ern erwischte ich mich dabei, dass ich nicht mehr ruhig vor dem Fernseher sitzen konnte und ich habe es bis heute nicht gekonnt. Filme oder Fernsehserien kann ich mir nur auf DVD anschauen, damit ich sie nach 45 Minuten unterbrechen kann, um etwas „Produktives“ zu tun. Ich scheine sogar unterbewusst ein Zuhause gekauft zu haben, das mich in meiner „Freizeit“ noch hĂ€rter arbeiten lĂ€sst. Ich pflege dieses 10 Hektar (100.000 mÂČ) große „Natur-Refugium“ als wĂ€re es ein Nationalpark mit kilometerlangen Wanderpfaden und Wiesen, die stĂ€ndiges MĂ€hen und Spritzen erfordern, um zu verhindern, dass sie vom umgebenden Wald zurĂŒckgefordert werden. Die Wochenenden sind nicht frei. Die Samstage sind gefĂŒllt mit Fahrten in die Stadt, um die Einkaufsliste abzuarbeiten, die Sonntage verbringe ich mit Haus- und Hofarbeiten. (Eine Karte des Rosa-Natur-Refugiums findet sich am Ende des englischen Textes auf der Startseite.)

Meine Arbeitsgewohnheiten wurden noch intensiver, als ich in meinen Traumjob stolperte, das Schreiben und Zeichnen von Comics mit Barks’ Enten. Ich denke, es ist klar ersichtlich, dass Fans meine Geschichten nicht wegen des „herrlichen“ Artworks mögen. Was sie eindeutig erkennen, ist die harte Arbeit, die ich an jedes Panel und jede Handlung verschwende. Ich habe immer gesagt, dass Leser meine Geschichten lieben mĂŒssen, weil sie denken: „FĂŒr jemand, der offensichtlich dermaßen viel Arbeit in solch schlechte Kunst steckt, muss er einfach Spaß haben!“ und sie haben Spaß dabei, mir dabei zuzusehen. Wie man sehen kann, machte ich meinen Mangel an kĂŒnstlerischer FĂ€higkeit wieder dadurch wett, dass ich so viele „nutzlose und irritierende Details“ in jedes Panel stopfte. In diesen neun ComicbĂ€nden habt ihr gesehen, wie viel zusĂ€tzliche Arbeit ich in diese Geschichten gepackt habe – eine Menge davon wird vom Leser noch nicht einmal erkannt – ich mache vieles im Verborgenen, nur zu meinem eigenen VergnĂŒgen.

Es wird allerdings viele Jahre dauern, um mich von meiner UnfĂ€higkeit zu entspannen zu heilen. Obwohl ich vor fĂŒnf Jahren damit aufgehört habe, Comics anzufertigen, arbeite ich nach wie vor jeden Tag bis 17:00 Uhr. Aber jetzt sind es Arbeiten im Garten oder im Haus oder aber, wenn es sich um eines meiner vielen Hobbys handelt, ist es eine Art „vergnĂŒgliche“ Arbeit wie z. B. BĂŒcher ordnen oder das Reinigen der CampingausrĂŒstung. Ich erlaube mir nie, einen Film anzuschauen oder zu lesen. Arbeitssucht ist eine schwer zu heilende Krankheit.

Grund 4: Meine PopularitÀt

WĂ€hrend der letzten 15 Jahre meiner Karriere war mir bewusst, dass mein grĂ¶ĂŸtes Problem meine Beliebtheit bei den Fans war, verbunden mit der Tatsache, dass ich vor allem selbst ein Fan bin. Somit war die Aufmerksamkeit meiner geschĂ€tzten Fans fĂŒr mich ĂŒberaus wichtig! Als ich dann begann, Europa zu besuchen, und feststellte, wie beliebt Barks’ Figuren dort immer noch sind, entwickelte sich daraus eine Art heilige Pflicht. Jahrzehntelang wĂŒnschten sich europĂ€ische Fans, dass sie den Autoren und KĂŒnstlern dieser Comics ihre WertschĂ€tzung zeigen könnten, allerdings war Herr Barks schon betagt und reiste niemals und andere Autoren und KĂŒnstler aus SĂŒdamerika oder anderswo reisten ebenfalls nicht bzw. waren möglicherweise nicht so begeistert von der Materie, dass sie daran interessiert waren, ihre Zeit mit Comiclesern zu verbringen. Somit fĂŒhlte ich mich als Stellvertreter von Herrn Barks und all den anderen Autoren und KĂŒnstlern dieser beliebten Comics. Ich wurde von allen Herausgebern von Duck-Geschichten aus ganz Europa eingeladen, um die Fans zu treffen, Interviews zu geben und anlĂ€sslich besonderer Werbeaktionen zu erscheinen. Das erschien mir wichtig! Ich empfand es als „gottgegebenen Auftrag“, der mich dazu verpflichtete, diese Position auszufĂŒllen, in die ich auf so wunderbare Weise gestolpert war.

Dass dies ein Problem darstellte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich feststellte, dass wir Comicautoren und -zeichner alle ziemlich gleich bezahlt werden: ein Pauschalpreis pro Seite. Akkordarbeit. Aufgrund meiner Unerfahrenheit und der Arbeitsweise, alles zu ĂŒbertreiben, war ich schon immer der langsamste Autor und Zeichner. Ich war allerdings der Zeichner, der herangezogen wurde, wenn es darum ging, durch Europa zu reisen, und wurde dabei so gut behandelt und traf so viele nette Leute. Das Ganze war so angenehm, dass ich einige Jahre benötigte, um zu erkennen, dass die Texter und KĂŒnstler, die nicht so beliebt waren wie ich, zu Hause blieben und weiterarbeiteten. Normalerweise erhĂ€lt der beliebteste Autor oder KĂŒnstler oder Schauspieler mehr Geld und nicht weniger. Doch in diesem System hatte mich meine PopularitĂ€t in die Lage gebracht, dass mein Einkommen geringer war, weil ich beliebter war.

Ein weiterer „Fluch“ der PopularitĂ€t war die Unmenge an Fanpost, die ich bekam. Nun ist es normalerweise so, dass wenn jemand dermaßen „erfolgreich“ und beliebt ist, wie diese Figuren mich gemacht hatten, er es sich leisten kann, Mitarbeiter anzustellen, die bei der Arbeit und der Korrespondenz behilflich sind. Doch meine Bezahlung war noch nicht einmal genug fĂŒr eine Person, geschweige denn mehrere.

Und wieder: Da ich selber ein Fan bin, konnte ich es mir einfach nicht erlauben, die Mengen an Fanpost einfach zu ignorieren, wie es – so viel ich gehört habe – die zurechnungsfĂ€higeren Texter oder KĂŒnstler tun. Also beantwortete ich stets 100% meiner Fanpost selbst. Ich verschickte kostenlose Zeichnungen, wenn der Fan darum bat, und ich hoffte immer nur, dass er keine vollfarbige Zeichnung haben wollte, denn dann fertigte ich sie ihm natĂŒrlich auch an. Ich nahm mir einen Tag pro Woche oder manchmal eine ganze Woche zwischen zwei Comicprojekten nur dafĂŒr Zeit, Fanpost zu beantworten. Jeder, der mir damals schrieb, kann die Wahrheit dieser Aussage bestĂ€tigen.

Doch dann kamen die spĂ€ten 90er mit dem E-Mail-Zeitalter. Vor dieser Zeit musste ein Fan irgendwie meine Postadresse herausbekommen, sich hinsetzen und einen handgeschriebenen Brief verfassen, diesen in einen Umschlag stecken, ihn adressieren, die korrekte Briefmarke fĂŒr den internationalen Briefverkehr in die Ecke kleben und das Ganze in den Briefkasten stecken. Im Internet-Zeitalter reicht es, meine E-Mail-Adresse zu finden, eine Nachricht zu schreiben und auf „SENDEN“ zu klicken. E-Mails von Fans nahmen drastisch zu. Ich erwischte mich dabei, dass ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden am Computer verbrachte, etwa eine weitere Stunde um meine 15-minĂŒtige Mittagspause herum und dann weitere Stunden spĂ€t abends, um E-Mails von Fans zu beantworten! Sogar ein Spinner wie ich konnte erkennen, dass das ein Ende haben musste! Folglich hörte ich irgendwann komplett damit auf, Mails von Fans zu beantworten. Das war fĂŒr mich der einzig gangbare und gerechte Weg. Wie sollte ich entscheiden, dass ein Fan eine Antwort verdient hatte und ein anderer nicht? Nur die Tatsache, dass ein Fan Ă€lter ist und mir eine nette lange Nachricht in englischer Sprache schreibt (die einzige Sprache, die ich schlau genug bin zu lesen), ist kein ausreichender Grund, dass er eine Antwort verdient, wĂ€hrend ein jĂŒngerer Fan, der nicht so gut Englisch schreiben kann, leer ausgeht. Alle Mails von Fans zu ignorieren war eine sehr schwierige Entscheidung fĂŒr mich.

Aber ich versuche, es auf andere Weise wiedergutzumachen. Wenn ich beispielsweise zu einer europĂ€ischen Comicveranstaltung oder einer Signierstunde in einem Buchladen eingeladen bin, sitze ich dort manchmal zwischen zehn und elf Stunden ununterbrochen und bediene die Reihe wartender Fans. Schließlich stehen einige von ihnen fĂŒnf oder sechs Stunden in der Schlange, nur um ein paar Minuten mit mir zu sprechen. Wie könnte ich da eine Pause machen und allen sagen, dass sie zu warten haben, bis mir danach ist zurĂŒckzukehren? Niemals! Ich werde oft gefragt, wie ich das schaffe. Werde ich nicht mĂŒde? Nein, körperlich mĂŒde werde ich nie. TatsĂ€chlich scheint meine Energie nach einigen Stunden anzuwachsen und ich könnte unbegrenzt weitermachen. Es ist wohl die Energie, die ich von meinen geschĂ€tzten Fans erhalte, die mich antreibt.

Grund 3: Depression

Dies wird ein kurzer Beitrag werden. Wie man sehen wird, war meine Depression eine direkte Folge der GrĂŒnde 1 und 2. Depression schwĂ€cht dich ernsthaft und ist schwer zu verstehen. Soweit ich es verstanden habe, weißt du entweder nicht, dass du ihr Schritt fĂŒr Schritt zum Opfer fĂ€llst, oder aber du verdrĂ€ngst dies unterbewusst. Ich hĂ€tte mir nie vorstellen können, dass ich ein geistiges Problem hĂ€tte, ohne es zu kennen. Meine Depression war eine Folge der Erkenntnis, dass ich wegen Grund 1 bald wĂŒrde aufhören mĂŒssen, und ich war dermaßen betrĂŒbt, dass es so kommen musste, wo es doch so vielen Leuten ganz einfach möglich gewesen wĂ€re, das System zu Ă€ndern, wenn sie nur gewollt hĂ€tten. Die Depression verstĂ€rkte sich nochmals stark, als der Grund 2 seinen Höhepunkt erreichte. Einen Psychologen suchte ich nur kurz auf – es schien mir so, dass mit der Erkenntnis, dass ich an einer Depression litt, diese VergegenwĂ€rtigung allein ĂŒber 80 % des Problems löste. Ich vermute, die verbleibenden Prozente werden mich immer begleiten, da ich es fĂŒr immer und ewig bedauern werde, dass dieses System letzten Endes meine Begeisterung fĂŒr meine grĂ¶ĂŸte Liebe zu Fall brachte. Aber so ist das Leben.

Ein anderer Weg, auf dem ich das Wesen der Depression verstehen lernte, war folgender: es gibt zwei Extreme bei einer Arbeit … das Beste an deiner Arbeit sowie das Schlechteste an deiner Arbeit. Das Beste besteht darin, dass du deine Arbeit mit jeder Faser deines Körpers liebst, du denkst Tag und Nacht daran, du erlebst jeden Moment, du siehst es als deine Lebensaufgabe, es nimmt dich voll und ganz ein. Das beschreibt es, was das Erschaffen von Duck-Geschichten fĂŒr mich bedeutete.

Und was ist das Schlimmste an deiner Arbeit? Seltsam genug … es kann genau dasselbe sein.

Grund 2: Mein @#$%& schlechtes Augenlicht!

Ich habe seit meiner Geburt an angeborener Kurzsichtigkeit gelitten. Seit meine Eltern das erste Mal feststellten, dass es fĂŒr einen FĂŒnfjĂ€hrigen nicht normal war, mit der Nase direkt vor dem Fernsehbildschirm zu sitzen, habe ich dicke AugenglĂ€ser getragen. Nun, ich wuchs damit auf, eine Brille zu tragen, sodass es mich nie störte. Vielleicht lag es an meiner Kurzsichtigkeit (Myopie), dass ich mein ganzes Leben lang Freude daran hatte, Dinge zu tun, die es mit sich brachten, etwas nah in Augenschein zu nehmen, wie das Lesen von Comics und das Zeichnen sehr ausfĂŒhrlicher Darstellungen. Also beklage ich mich nicht ĂŒber die ersten 55 Jahre meines @#$%& schlechten Augenlichts, da es möglicherweise der Grund (oder einer der GrĂŒnde) dafĂŒr ist, dass ich gerade eine Autobiografie in einer NeunbĂ€ndigen Buchausgabe meiner eigenen Comic-Geschichten schreibe.

Doch außergewöhnliche Kurzsichtigkeit verursacht mit fortschreitendem Alter ernsthafte Probleme. Etwa im Jahr 2006 bemerkte ich erstmals eine TrĂŒbung des Seheindrucks, sobald ich meine Augen bewegte, wobei die TrĂŒbung nicht die Stelle des schĂ€rfsten Sehens betraf. Man sagte mir, das seien nur meine elenden Augen, die ĂŒberanstrengt seien. Als NĂ€chstes kam es im Jahr 2007 dazu, dass ich meine beiden Augen nicht mehr parallel ausrichten konnte. Das ist ein kleines Problem, das mit entsprechenden PrismenglĂ€sern gelöst wird. Allerdings konnte ich somit ab 2007 nicht mehr ausreichend gut mit meiner Brille sehen, um normal zeichnen zu können. Ich musste wieder dazu zurĂŒckkehren, ohne meine Brille zu zeichnen, allerdings berĂŒhrte meine Nase dabei beinahe das Zeichenpapier. Das war sehr ermĂŒdend! Aber anders ging es einfach nicht. Nach mehr als 20 Jahren professionellen Comiczeichnens nahm meine Zeichengeschwindigkeit bestĂ€ndig und erheblich ab, anstatt zu wachsen.

Anfang 2008 war ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich eine Entscheidung fĂ€llen musste. Ich wollte weiterhin Geschichten meiner Lieblingsfiguren anfertigen, aber ich hatte meine Begeisterung verloren (wegen Grund 1), die der alleinige Antrieb in den letzten 15 Jahren gewesen war. Die Depression, der Burnout, die Probleme mit den Augen … ich konnte mich nicht entscheiden. Dann, im MĂ€rz 2008, schien mir mein Körper zu sagen: „Du kannst dich nicht entscheiden? Versuch’s damit!“. Und die RĂŒckseite meines linken Auges fiel ab.

Lasst mich in aller KĂŒrze eine Netzhautablösung beschreiben, in der Hoffnung, dass keiner von euch dies in seinem Leben jemals am eigenen Leibe erfahren muss. Normalerweise sind hiervon Leute jenseits des 90. Lebensjahres oder Opfer außerordentlicher Kurzsichtigkeit, wie meine Wenigkeit, betroffen. Kurzsichtigkeit ist die Folge einer Verformung des Augapfels bei der Geburt und wenn diese Verformung groß genug ist, ĂŒbt sie einen Zug auf die Netzhaut aus, die Ă€ußerst empfindliche Schicht am Augenhintergrund. Nach 57 Jahren konnte meine linke Netzhaut der Belastung nicht mehr standhalten und begann, sich vom Auge abzulösen, was Blindheit zur Folge hat. Ich bemerkte einen winzigen blinden Fleck am Rande meines Blickfelds, also vereinbarte ich einen Arzttermin fĂŒr den nĂ€chsten Samstag, den einzigen Tag, an dem ich normalerweise in die Stadt fahre. Doch im Laufe der Woche begann der blinde Fleck grĂ¶ĂŸer zu werden, bis er die Stelle des schĂ€rfsten Sehens im linken Auge gerade zu dem Zeitpunkt erreichte, als ich endlich am Samstag untersucht werden sollte. Ich werde mich an diesen 17. MĂ€rz im Jahr 2008 immer als den fĂŒrchterlichsten Tag meines Lebens erinnern. Der Augenarzt ließ meine Frau die Lehne des Autositzes zurĂŒckklappen und ich sollte möglichst waagerecht liegen, wĂ€hrend sie mich zur Notaufnahme fuhr, wobei sie tunlichst jegliche ErschĂŒtterung vermeiden sollte. Wie bitte?! Meine linke Netzhaut war im Begriff, sich komplett vom Augenhintergrund zu lösen und durch eine ErschĂŒtterung bestand die Gefahr einer vollstĂ€ndigen Ablösung … dauerhafte Blindheit wĂ€re das Ergebnis. Ich wurde sofort Notoperiert – ich bin mir sicher, hĂ€tte ich nur einige Tage vorher von dem Vorgehen gewusst, wĂ€re ich noch erschrockener gewesen.

Ich habe spĂ€ter erfahren, dass Personen, die sowohl eine Operation bei einer Netzhautablösung als auch eine Operation am offenen Herzen hatten, lieber eine weitere Herzoperation durchmachen wĂŒrden. Die Operation an sich ist nicht das Problem … es ist der Genesungsprozess. Nachdem die Risse in der Netzhaut mithilfe von Laserchirurgie verschlossen werden, muss die Netzhaut wieder zurĂŒck gegen den Augenhintergrund gedrĂŒckt werden, sodass sie wieder anwachsen und heilen kann. Der einzige Weg, dies zu erreichen, besteht darin, die AugenflĂŒssigkeit zu entfernen und den Augapfel mit einer speziellen Gasmischung zu fĂŒllen. Danach muss der Patient den Kopf so lagern, dass er nach unten schaut, damit die Gasblase die Netzhaut zurĂŒck an ihren Platz drĂŒckt. Immerzu den Kopf gesenkt halten, Tag und Nacht, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, monatelang, bis das Gas allmĂ€hlich verschwunden ist. Das ist noch schwieriger umzusetzen als es sich anhört. TagsĂŒber kniete ich in einem speziellen Stuhl, wobei mein gesenkter Kopf auf einer gepolsterten StĂŒtze ruhte, Lesen oder Fernsehen waren nur ĂŒber einen Spiegel möglich. Nachts schlief ich in sitzender Position mit meinem Kopf in Richtung Schoß auf einem Stapel Kissen. Das dauerte etwa zwei Monate lang. Und es half mir ĂŒberhaupt nicht bei meinen Depressionen.

Was aber wichtiger war: es half meinem Auge, wenn auch nur ein wenig. Die Netzhaut wuchs wieder an, allerdings mit einer Winkelabweichung von etwa zehn Grad und mit Vernarbungen, die von den SchĂ€den vor der Notoperation stammten. Diese Narben verzerren den Blick derart, dass gerade Linien wellig erscheinen. Ich hatte das noch nicht bemerkt, da ich mit meinem linken Auge nach der Operation nur verschwommen gucken konnte, bis nach einem halben Jahr der Chirurg am gleichen Auge den durch die Operation verursachten grauen Star durch Ersetzen der Augenlinse beseitigte. Infolge der kĂŒnstlichen Augenlinse fiel danach mein linkes Brillenglas sehr dĂŒnn aus, wĂ€hrend das rechte Brillenglas so dick war wie immer. Wie ihr vermutlich wisst, ist das Blickfeld durch ein dickes Brillenglas erheblich eingeschrĂ€nkt gegenĂŒber einem dĂŒnnen Glas.

Als Konsequenz hatte ich mit meinem rechten Auge ein winziges Blickfeld, wĂ€hrend mein Bild ĂŒber das linke Auge um zehn Grad gedreht, verzerrt und sehr groß war. Ich konnte zwar sehen, hatte aber Doppelbilder, gerade so als wĂŒrde man ein wenig schielen. Ich beklage mich aber nicht! Ich freue mich, dass ich ĂŒberhaupt sehen kann. Ich hatte weitere kleinere Laseroperationen an beiden Augen, um vorhandene (und es gab eine Menge) Netzhautrisse zu schließen, damit sie nicht zu einer weiteren Netzhautablösung fĂŒhrten.

Wie auch immer, dies war der unmittelbare Grund fĂŒr mein Aufhören. Es war einfach nicht mehr möglich, die Art von Zeichnungen mit all den unterhaltsamen „nutzlosen und irritierenden Details“ zu schaffen, die mich so beliebt gemacht hatten. Immerhin konnte ich die neuen Titelseiten fĂŒr diese Buchserie anfertigen, da ich immer noch ein „gutes“ Auge habe und die Zeichnungen sehr groß ausfallen konnten. Dazu musste ich die Brille absetzen, mein schlechtes (schlechteres?) Auge mit einer Augenklappe abdecken und nach wie vor mit der Nase auf dem Papier zeichnen … was noch mehr Zeit benötigte als zuvor, wenn das ĂŒberhaupt möglich war.

Nach der Operation fragten mich viele Fans: Wenn ich denn nicht lĂ€nger zeichnen kann, warum kann ich dann nicht Duck-Geschichten fĂŒr andere Zeichner schreiben? Die philosophische Antwort lautet: Wegen Grund 1 will ich keine Arbeit mehr in dieses System stecken.

Grund 1: Das Comic-System von Disney

Wie viele Personen wissen darĂŒber Bescheid, wie das „Comic-System von Disney“ funktioniert? Sobald ich es Fans, die mich danach fragen, beschreibe, sind sie oftmals der Meinung, ich wĂŒrde sie veralbern oder sie anlĂŒgen. Oder aber sie sind empört. Aber es ist eine unumstĂ¶ĂŸliche Tatsache, dass es fĂŒr all die Disney-Comics, die ihr jemals gelesen habt, niemals irgendwelche Tantiemen an Autoren oder Zeichner gegeben hat. Und ich begriff letztlich, dass es niemals welche geben wĂŒrde.

Disney-Comics wurden nie vom Unternehmen Disney produziert, sondern immer von unabhĂ€ngigen Autoren und Zeichnern geschaffen, die fĂŒr lizenzierte, unabhĂ€ngige Herausgeber arbeiten, so wie Carl Barks fĂŒr Dell Comics arbeitete, ich fĂŒr Egmont und hunderte anderer fĂŒr zahlreiche weitere Disney-Lizenznehmer. Wir werden vom Verlag, fĂŒr den wir arbeiten, pauschal pro Seite bezahlt. Egal wie oft danach die Geschichte von anderen Disney-Herausgebern weltweit genutzt wird, egal wie oft danach die Geschichte in anderen Comics, Alben, HardcoverbĂ€nden, Sonderausgaben etc. etc. nachgedruckt wird, unabhĂ€ngig davon, wie gut der Verkauf lĂ€uft, wir erhalten nicht einen Cent mehr fĂŒr unsere Arbeit. In diesem System hat Carl Barks gearbeitet und das gleiche System funktioniert noch heute so.

Wie kann solch ein veraltetes System im 21. Jahrhundert immer noch funktionieren, wenn doch bei anderen kreativen Veröffentlichungen seit gefĂŒhlten Jahrhunderten Tantiemen selbstverstĂ€ndlich sind? Alle Buchautoren, Musiker, Schauspieler, SĂ€nger, Nicht-Disney-Zeichner, sogar die Leute, die in Fernsehwerbesendungen auftreten, … sie alle erhalten erfolgsabhĂ€ngige Tantiemen. Selbst Disney gewĂ€hrt den Urhebern und Darstellern seiner Filme und TV-Sendungen sowie im Roman- und MusikgeschĂ€ft erfolgsabhĂ€ngige Lizenzzahlungen. Soweit ich es weiß – korrigiert mich, wenn ich falsch liege – sind es nur die Schöpfer von Disney-Comics, die keinen Anteil am Erfolg ihrer Arbeit haben.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht.

Aber ich habe sicherlich nicht damit begonnen, Disney-Comics zu zeichnen, in der Erwartung, damit reich zu werden. Ich war in einer erfolgreichen Baufirma aufgewachsen und nahm eine gewaltige EinkommenskĂŒrzung (und eine weitaus grĂ¶ĂŸere Arbeitslast) in Kauf, um Comics zu schaffen, die auf Barks’ Figuren basierten. Ich hĂ€tte nie im Leben damit gerechnet, dass sie außerhalb der USA noch so beliebt sind. Als ich begann, fĂŒr Egmont zu arbeiten, rechnete ich immer noch nicht damit, viel Geld zu verdienen – ich wusste, dass ich ein ziemlicher Amateur war und freute mich einfach darĂŒber, dass ich eine Möglichkeit hatte, diese Geschichten weiterhin zu erschaffen. Außerdem wurden meine Geschichten zusammen mit vielen anderen wirklich schön gezeichneten Arbeiten in Comicheften veröffentlicht und meine Geschichten erschienen nur ein paar Mal pro Jahr. Aber innerhalb weniger Jahre stellte ich fest, dass die Herausgeber meinen Namen auf die Titelseite drucken ließen, so wie sie es auch mit Barks’ Namen taten … das machte mich einfach sehr stolz! Aber das war immer noch kein Hinweis darauf, warum die Leute die Comics kauften. Ganz im Gegenteil, man sagte mir, dass die meisten Leser meine Geschichten wegen der eigentĂŒmlichen, detaillierten Zeichnungen sowie der ĂŒberladenen Handlungen ablehnten. Ich konnte mir das gut vorstellen. Das Leben war gut.

Dann begann in zwei LĂ€ndern die Herausgabe von Alben, die ausschließlich Rosa-Material enthielten. Andere LĂ€nder starteten die Veröffentlichung jĂ€hrlicher Rosa-Wandkalender. Danach erschienen in weiteren LĂ€ndern spezielle Hardcoverausgaben mit Rosa-Geschichten, die zu Bestsellern wurden. Ich wurde weiterhin zu Werbeaktionen herangezogen, um den Verkauf von BĂŒchern mit meinen Geschichten anzukurbeln, obwohl ich an diesen VerkĂ€ufen nicht finanziell beteiligt war. Wie bitte? HĂ€?

WĂ€hrend dieser Werbeveranstaltungen mit Pressekonferenzen und Auftritten in nationalen Talkshows ließen sich einige Pressevertreter darĂŒber aus, wie schön es doch sein mĂŒsse, dass ich durch etwas, das mir offenbar dermaßen viel Spaß bereitet, so reich wĂŒrde. Schließlich traf es mich wie ein Blitz – alle europĂ€ischen Fans waren der Meinung, dass ich ein MillionĂ€r sei. Sie gingen davon aus, dass bei Signierstunden in BĂŒcherlĂ€den von jedem dort verkauften 30-Euro-Band, den ich signierte, fĂŒnf Euro fĂŒr mich abfielen. Whoa! Es hatte mich nie gestört, mit dieser Arbeit, die ich liebte, nicht reich zu werden. Aber es wurde wirklich Ă€rgerlich, als ich feststellen musste, dass jeder annahm, ich bekĂ€me riesige Tantiemen. Die Leute konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass heutzutage solch ein System existiert (oder dass es einen Texter/Zeichner gibt, der so dumm ist, dabei mitzumachen). Ich begann mich als der Welt grĂ¶ĂŸter Dummkopf zu fĂŒhlen.

Dann unternahmen die Herausgeber den nĂ€chsten zwangslĂ€ufigen Schritt. Eine Neuauflage meiner Dagobert-Abenteuer sollte nicht „ONKEL DAGOBERT“ 1 heißen, sondern „DON ROSA“ 1. Der jĂ€hrliche „DONALD-DUCK-KALENDER“ wurde zum „DON-ROSA-KALENDER“. Und die Herausgeber kĂŒmmerten sich nicht darum, mich darĂŒber zu informieren, sobald sie solche Rosa-Gesamtausgaben unter meinem Namen veröffentlichten, normalerweise erfuhr ich davon nur durch einen Fan in dem Land, in dem die Ausgabe erschien. Ich war auch davon abhĂ€ngig, dass mir dieser Fan ein Exemplar des Rosa-Buches kaufte, da diese Herausgeber mir nie Belegexemplare zukommen ließen.

Das brachte das Fass zum Überlaufen! Mir war klar, ich musste zu Vernunft kommen! Fans, die etwas von der Sache damals im Internet mitbekamen, werteten dies irrtĂŒmlicherweise als „Streik“ von meiner Seite. Das stimmte so einfach nicht … ich hatte immer ein ausgezeichnetes ArbeitsverhĂ€ltnis mit meinem eigenen Arbeitgeber, Egmont. Aber es musste eine neue Grundlage der Zusammenarbeit geschaffen werden.

Folglich nahm ich mir einen Anwalt, zu nicht geringen Kosten, und machte meinen Namen zum Markenzeichen in Europa und SĂŒdamerika. Herausgeber von Disney-Material hatten jedes Recht, meine Geschichten zu verwerten – sie waren Eigentum von Disney. Aber mein Name gehört nicht Disney – er ist mein Eigentum. Ich war nicht so sehr darĂŒber verĂ€rgert, dass ich keine Lizenzzahlungen fĂŒr Produkte erhielt, die meinen Namen trugen, sondern darĂŒber, dass ich keine Kontrolle ĂŒber die QualitĂ€t der Aufmachung hatte. Oft wurden je nach Laune des Redakteurs oder Übersetzers die falschen Skripts benutzt, oft wurden in Fortsetzungsgeschichten die falschen Seiten benutzt oder es gab Fehler in der Kolorierung usw. Diese Dinge kann man in einem wöchentlichen Magazin akzeptieren, aber wenn ein Buch ausschließlich Rosa-Geschichten enthĂ€lt und mit meinem Namen auf dem Cover wirbt, gehen die Fans davon aus, dass ich einige Kontrolle ĂŒber das Produkt habe. Jetzt wĂŒrde ich darauf achten, dass dies auch so war.

Ich bat nicht um Tantiemen. Ich beschloss, nur um eine jĂ€hrliche GebĂŒhr fĂŒr die Nutzung meines Namens zur Verkaufsförderung zu bitten. Ich holte mir Rat bei einem europĂ€ischen Interessenvertreter von Autoren und KĂŒnstlern und fragte ihn, wie viel ich von Egmont jedes Jahr fordern sollte. Der Agent nannte mir einen seiner Meinung nach fairen Preis. Da meine Absicht hauptsĂ€chlich darin bestand zu zeigen, dass ich eine Art Kontrolle ĂŒber die Nutzung meines Namens und die PrĂ€sentation meiner Arbeiten wĂŒnschte, betrug der Preis, den ich Egmont nannte, exakt die HĂ€lfte des vom Agenten empfohlenen Betrags. Ich gedachte auf diese Weise Egmont zu zeigen, dass es mir ernst war, ich sie aber nicht auspressen wollte.

Mein Verlag Egmont war sofort einverstanden! Ich vermute, sie hatten einfach darauf gewartet, dass ich etwas sage. Immerhin handelt es sich um ein großes Unternehmen … tatsĂ€chlich sogar eine nicht profitorientierte wohltĂ€tige Organisation … also warum hĂ€tten sie mir eine Zahlung anbieten sollen, bevor ich danach fragte? Alle, die ich je bei Egmont getroffen habe, oder vielmehr alle, die ich jemals bei einem der weltweiten Lizenznehmer von Disney traf, sind wunderbar nette Leute. Viele sind zu lieben Freunden geworden. Ich werfe ihnen nicht vor, Teil dieses Systems zu sein. Sie haben es nicht geschaffen und ich weiß, sie billigen es selbst nicht (wie könnte das jemand?). Oh – und es sollte definitiv noch erwĂ€hnt werden, dass mir Egmont im Gegenzug fĂŒr meine Mitarbeit an dieser herrlichen Buchserie eine „Zuwendung“ auf Grundlage der Verkaufszahlen anbietet. Das ist das erste Mal, dass mir dies von einem Herausgeber angeboten wird.

Bei den Nicht-Egmont-Verlagen lief es anders. Ich teilte ihnen mit, dass sie ohne meine Zustimmung die Alben mit Rosa-Geschichten nicht lĂ€nger unter Verwendung meines Namens als Werbemittel herausgeben dĂŒrfen. Es hĂ€tte nur einer Frage bedurft, aber es kam nichts. Ich vermute, dass sie es einfach ablehnten, einen dieser KĂŒnstler oder Autoren, deren Arbeit sie jederzeit und egal in welcher Form nach eigenem Ermessen benutzt hatten, um Erlaubnis zu bitten. Und sie wollten nach sechzig bis siebzig Jahren nicht damit anfangen, jemandem diesen Respekt entgegenzubringen. Sie fragten noch nicht einmal nach, was ich als Gegenleistung erwartete. Wahrscheinlich gingen sie davon aus, ich wĂŒrde einen Großteil ihrer Verkaufserlöse fordern … in Wahrheit wollte ich nichts anderes als die QualitĂ€tskontrolle und einige freie KĂŒnstlerexemplare. Es kĂŒmmerte sie einfach nicht, was ich wollte. Bis zum heutigen Tag finden sich „anonyme“ BĂŒcher mit Rosa-Geschichten in Frankreich, Brasilien, den Niederlanden, Italien, Griechenland und Indonesien (und möglicherweise weiteren LĂ€ndern, ĂŒber die ich bisher nichts erfahren habe), obwohl diese Herausgeber alle wissen, dass meine Fans meinen eigenstĂ€ndigen Zeichenstil nach wie vor wiedererkennen werden, auch wenn mein Name nicht auf dem Cover erscheint. Meine Begleittexte oder anderes Bonusmaterial, das ich meinen Fans gerne zeige, können sie allerdings nicht verwenden. Doch solange sie meinen Namen nicht dazu missbrauchen, ihre Produkte zu verkaufen, kann ich mich nicht darĂŒber beschweren, dass sie BĂŒcher mit meinen Arbeiten veröffentlichen. (Ich freue mich nur darĂŒber, dass mir Fans aus diesen LĂ€ndern Kopien der Rosa-BĂŒcher zuschicken; ein Umstand, der diesen Herausgeber erst Recht die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen sollte!)

Allerdings mussten die Haltung dieser Herausgeber und das ganze System meiner wachsenden Depression bereits allmĂ€hlich ihren Tribut zollen. Mir blieb nichts anderes ĂŒbrig, als einzusehen, dass ich diesen Leuten meine Arbeiten aus rund 20 Jahren zur VerfĂŒgung gestellt hatte, die sie jahrzehntelange wieder und wieder nachdrucken wĂŒrden, ohne mir auch nur einen Cent an Tantiemen zukommen zu lassen. Es war ein heimtĂŒckischer Stachel, der sich in meine Seele bohrte. Er tötete meine Begeisterung. Und das Einzige, was mich am Leben hielt, war meine Begeisterung fĂŒr die Fans, die diese Barks-Figuren genauso liebten, wie ich es tat.

Dank meines linken Auges musste ich die unabwendbare Entscheidung nicht selbst fÀllen.

FAZIT

Ich habe in diesen BĂ€nden ungezĂ€hlte Male geschrieben, dass ich kein Profi bin. Ich bin ein Comicfan, dem man erlaubt hat, Comics zu erschaffen. Und letztlich musste ich erkennen, dass darin mehr Wahrheit liegt, als ich je gedacht hĂ€tte! Alles, was ich getan habe, jeder berufliche Schritt, den ich vornahm, lag darin begrĂŒndet, dass ich Zeugs mag, das ich nicht selbst geschaffen habe.

Fans, die wissen, in welchem unfairen System wir Disney-Comic-Schaffende arbeiten, haben mir oft Folgendes gesagt: „Du hast dir jetzt einen eigenen Namen gemacht! Warum beendest du nicht diese undankbare Arbeit und bringst Comics mit einem von dir geschaffenen Charakter heraus?“. Und Verlage haben mir oft gesagt, dass sie unbesehen alles veröffentlichen wĂŒrden, was ich fĂŒr sie produzieren wĂŒrde. Aber meine Antwort war jedes Mal: „Jede Figur, die ich jetzt entwickeln wĂŒrde … wĂ€re keine, mit der ich aufgewachsen bin. Sie wĂ€re mir egal. Mein Nervenkitzel liegt im Erschaffen von Geschichten ĂŒber Figuren, die ich mein ganzes Leben lang geliebt habe.“ Ich bin ein Fan.

Meine Lebensgeschichte besteht darin, ein Fan der Popkultur zu sein. Ich habe Unmengen von Comics und Donald- und Dagobert-Spielzeug zusammengetragen, auch DVDs und CDs und eine Menge anderes, das mir gefĂ€llt. Als ich in den frĂŒhen 70ern mit den Arbeiten fĂŒr Fanzines begann, machte ich was? Neue Comics erschaffen? Nein, ich schrieb Frage-und-Antwort-Kolumnen, die mit all meinen Lieblingsthemen aus Comics, Fernsehen und Filmen zu tun hatten. Ich bin ein Fan.

Und ich liebe es nach wie vor, andere Fans zu treffen. Sie haben es nicht geschafft, mir meine Begeisterung fĂŒr das Treffen von Comicfans zu nehmen. Ich bin immer noch auf jĂ€hrlichen Signiertouren in BĂŒcherlĂ€den, KaufhĂ€usern und ComiclĂ€den unterwegs … ein Weg, mir ein bescheidenes Einkommen zu sichern. (Die LĂ€den zahlen mir eine WerbegebĂŒhr, wĂ€hrend alle Unterschriften und Zeichnungen fĂŒr die Fans immer kostenlos sind.) Ich benötige wirklich nicht so viel Geld. WĂ€hrend der Zeit, als meine Frau als Lehrerin tĂ€tig war, kam sie grĂ¶ĂŸtenteils fĂŒr die Haushaltskosten auf, jetzt ist sie pensioniert und bezieht eine feste Pension. Als ich erkennen musste, dass ich nicht sehr viel lĂ€nger Disney-Comics machen konnte, verkaufte ein Freund einen Teil meiner Comicsammlung (die „neueren“ Sachen aus der Zeit von 1970 bis 1985) und so konnte ich meine Haushypothek ablösen. Wir haben keine Kinder. Ich fahre denselben Wagen, den ich seit 1978 besitze, und der war damals schon 30 Jahre alt. Ich mag keine teuren Ferien … wir gehen gerne auf Camping-Touren. Wir haben genug Geld fĂŒr unsere BedĂŒrfnisse.

Genau wie es Gary Cooper in Der große Wurf sagte, sehe ich mich als den glĂŒcklichsten Mann auf Gottes Erde. Ich hatte eine privilegierte Kindheit. Ich bin mit einer wundervollen Frau verheiratet (und sie liebt Kochen!). Dann hat das Schicksal verfĂŒgt, dass ich fĂŒr mehr als 20 Jahre in der Lage war, etwas zu tun, das mein liebster Kindheitstraum gewesen war. Mittlerweile habe ich auf meinen Reisen durch Europa die wunderbarsten Leute getroffen … das Treffen von Leuten bei Comicverlagen und auf Comicveranstaltungen ist so, als sei man Teil einer großen Familie – alle mögen dieselben Dinge wie ich und sie wurden zu meinen liebsten Freunden. Ich wurde von ganzen LĂ€ndern  (die Carl Barks bereits fĂŒr mich vorgewĂ€rmt hatte) wie ein Star gefeiert. Wenn ich in einem fremden Land bin, dann finden sich neue Freunde, die begierig sind, als private FĂŒhrer oder Übersetzer helfen zu können, oder aber mich zu einem Essen nach Hause einladen!!! Nicht mal Bill Gates wird so zuvorkommend behandelt! Überall, wo Carl Barks vor mir war, habe ich Freunde. Und ich bin weit herumgekommen!

Ich habe immer noch die Sammlungen aus meiner Kindheit. Ein regelrechter „Tresor“, wie ein Geldspeicher, gefĂŒllt mit 40.000 Comics. Alle Barks-Comics sowie annĂ€hernd jeden amerikanischen Comic aus der Zeit zwischen 1945 und 1970. Meine alten MAD-Hefte. Meine Horrorfilm-Magazine. Meine Komplettsammlung des TV-GUIDE-Magazins. Sowie ein Raum, angefĂŒllt mit DVDs meiner Lieblingsfilme, weitere zwei bis drei RĂ€ume, in denen BĂŒcher meiner Lieblingsautoren gestapelt sind, ein Raum mit alten FilmbĂŒchern und Zeitungsstrips. Wenn ich denn irgendwann einmal gelernt haben werde zu entspannen, habe ich vor, mich einfach nur hinzusetzen und all diese geliebten Unterhaltungsmedien wieder und wieder zu lesen und anzuschauen. Das ist mein neuer grĂ¶ĂŸter Traum.

Ich danke Carl Barks fĂŒr die Erschaffung der Comics, die ich dermaßen geliebt habe, dass ich diesen großartigen Geschichten glĂŒcklicherweise fĂŒr mehr als 20 Jahre mit meiner Arbeit Ehre erweisen konnte. Und ich danke euch dafĂŒr, dass ihr diese Arbeit so gĂŒtig aufnahmt und mir das GefĂŒhl gabt, etwas Besonderes zu tun … bis sie mir die Freude an dem, was ich tat, nahmen.

Doch nun entschuldigt mich … ich werde mich fortan darauf beschrĂ€nken, wieder nur noch ein Fan zu sein.